Als Weinheims Höhere Töchter das „Schiff” kaperten

Vor 100 Jahren endete der jahrhundertelange Bildungsnotstand der Mädchen mit der Öffnung des Realgymnasiums

Foto Luise Rheinsdorff  bei ihrem 75. Geburtstag mit Kolleginnen und ehemaligen Schülerinnen um sich
Hoch verehrt in Weinheim war Luise Rheinsdorff (Bildmitte). Sie leitete die 1858 von ihrer Tante Marie Kröber-Rheinsdorff gegründete Höhere Töchterschule von 1897 bis 1922. Das Foto entstand bei ihrem 75. Geburtstag. Bilder: Stadtarchiv

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Es ist gerade mal 100 Jahre her, dass im „Weinheimer Anzeiger“ Eltern und Lehrer leidenschaftlich über Mädchenbildung diskutierten. Dabei ging es um die Frage: Ausbau der seit 1858 erfolgreichen Mädchenbürgerschule zu einer Höhen Mädchenschule, an der sich Mädchen für einen Hochschulbesuch qualifizieren konnten, oder Öffnung des Realgymnasiums für Absolventinnen der 4. Klassen der Mädchenbürgerschule auf dem erstrebten Weg zu Mittlerer Reife und Abitur, der ihnen in der Mädchenschule versagt war. Mit der Vorstellung eines gemeinsamen Unterrichts von Mädchen und Jungen taten sich allerdings viele Eltern und Lehrer schwer. Ganze Seiten seiner täglichen Ausgaben zu Jahresbeginn 1922 öffnete der „Weinheimer Anzeiger“ dem Meinungsstreit über die Koedukation. Als „Stimmungsbild der damaligen Diskussion“ bewertete Dr. Annette Unkelhäußer in ihrem Beitrag zum 2000 erschienenen Weinheimer Frauenbuch die Meinung von Professor Otto Keller, Gymnasiallehrer und DDP-Stadtverordneter. Er befürwortete eine gleichwertige Erziehung von Mädchen und Jungen, lehnte aber eine gleichartige Erziehung ab. Denn Frauen würden, so Keller, bei einer Gleichsetzung „zu verbitterten Jungfern und Alt-Jungfern“ und im Wettbewerb zum Mann könne die Frau „natürlich nicht Schritt halten“. Als Kompromiss empfahl Keller den Aufbau einer Höheren Mädchenschule: „Sie gibt nicht zu wenig und nicht zu viel“. Für Dr. Unkelhäußer entsprach diese Ansicht der damaligen Mehrheitsmeinung: Bildungschancen erhöhen – ja, Chancengleichheit – nein. Die Mädchen sollten nicht zum Studium „gedrängt“ werden. Wenn sie aber berufstätig sein wollten, sollten sie sich für „typische“ Frauenberufs entscheiden: Lehrerin, Sekretärin, Bibliothekarin, Krankenschwester und ähnliches.

Das Ende der Mädchenschule

Am 7. April 1923 wurde in Karlsruhe entschieden: „Das Ministerium für Kultus und Unterricht hält die Notwendigkeit der Umwandlung der Mädchenbürgerschule in eine Höhere Mädchenschule nicht für dringend im Hinblick auf das Bestehen eines Realgymnasiums“. Und am 29. April 1924 bestätigte das Ministerium die Schließung der Weinheimer Mädchenbürgerschule zum 1. Mai 1924. Zu Beginn des Schuljahres 1924/25 wechselten 124 der 161 Schülerinnen in die jeweiligen Klassen des Realgymnasiums Weinheim. Dessen Schülerzahl erhöhte sich damit auf 748. Zeitgleich wechselten der letzte Leiter der Mädchenbürgerschule, Lehramtspraktikant Albert Scheeder, als Professor ans „Schiff“, wie das Realgymnasium schon damals genannt wurde, und mit ihm verstärkten die Lehrerinnen Emma Eyermann, Helene Henrici und Paula Baas fortan das 34-köpfige Lehrerkollegium des Realgymnasiums Weinheim.

Erfolgreiche Schulgeschichte

Die „Höhere Töchterschule”, wie die Mädchenbürgerschule in Weinheim genannt wurde, war zu Beginn der 1920-er Jahre eine von dreizehn reinen Mädchenschulen in Baden, die von mehr als 2.500 Schülerinnen besucht wurden. 66 Jahre lang war sie Dreh- und Angelpunkt der Weinheimer Mädchenbildung gewesen, hat die Begabungen ihrer Schülerinnen gefördert und sie nach dem damaligen Rollenbild der Frau nachhaltig geprägt. Diese in Weinheim dankbar anerkannte Leistung ist ein Stück Schulgeschichte und verdient eine Würdigung.

Vier städtische Schulen

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts galt Weinheim (5.700 Einwohner) schon als schulfreundliche Stadt. Es gab bereits vier Schulen in städtischer Trägerschaft: Höhere Bürgerschule, evangelische Volksschule, katholische Volksschule und Gewerbeschule. Daneben bestand seit 1829 das international bekannte Bender’sche Institut als private höhere Lehranstalt für Knaben. Für Mädchen gab es damals keine Gelegenheit, zu einer höheren Bildung zu kommen.

Die Höhere Bürgerschule wurde 1812 im Haus Obergasse 10 als Lateinschule (oder so genanntes Pädagogium) gebildet, an der auch Griechisch und Französisch gelehrt wurde. Der spätere Weinheimer Oberbürgermeister Albert Ludwig Grimm war jahrelang Vorstand der Lateinschule, die organisatorisch zunächst eine Abteilung der Volksschule war, 1823 selbständig wurde und 1834 als Höhere Bürgerschule die modernen Fremdsprachen neben den Realfächern in den Mittelpunkt stellte. 1876 wurden die staatliche Höhere Bürgerschule mit dem privaten Bender’schen Institut zusammengeführt in der Großherzoglichen Höheren Bürgerschule und daraus entstand 1901 ein Realprogymnasium, 1906 das Realgymnasium (heute Werner-Heisenberg-Gymnasium). Die neue Lehranstalt erhielt zum Start ein neues Schulgebäude an der Friedrichstraße. Hier wurde 1901 die erste Sexta aus 43 Knaben gebildet. Acht Jahre später bestanden sieben Oberprimaner die Reifeprüfung: zwei junge Frauen und fünf junge Männer. Die Besten waren Forstmeister-Tochter Ilse Eichrodt und Arzt-Sohn Gustav Mittelstraß mit der Gesamtnote 1, Elisabeth Goebel und Otto Freudenberg, beide Enkel von Carl Johann Freudenberg, Ernst Issel, Sohn des Pfarrers an der Peterskirche, und Walther Schulz mit der Gesamtnote 2.

Die evangelischen Volksschulen der Altstadt und der Neustadt hatten seit 1846 ein neues gemeinsames Schulhaus: das Schulhaus I, 1927 nach Professor Dr. Eduard Dürre benannt, einem Schüler und Freund Friedrich Ludwig Jahns und Lehrer am Bender’schen Institut. 1872 wurde dieses erste von der Stadt erstellte Schulhaus Weinheims aufgestockt und nahm als Simultanschule nun auch die knapp 70 Schüler der katholischen Volksschule auf, die bis dahin im Haus Obergasse 10 unterrichtet worden waren. Erstmals konnte nun die gesamte Weinheimer Volksschule mit neun Lehrkräften und 830 Schülern in einem Gebäude untergebracht werden. Die Dürreschule wurde auch Heimstatt der 1842 an der Lindenstraße in Privaträumen gegründeten Gewerbeschule. 1972 wurde das Gebäude abgerissen.

Bildungsnotstand

Die in Weinheim und den umliegenden Gemeinden heranwachsenden Mädchen hatten in den 1850-er Jahren keine Möglichkeit, zu einer höheren Bildung zu gelangen. „Die den bürgerlichen Mädchen zugestandene Bildung war vollständig durch das bestimmt, was als notwendig galt, sie zur Gattin, Mutter und Hausfrau zu erziehen. Darin sah man die eigentliche Bestimmung der Frau. Dafür gab es ‚Höhere Töchterschulen‘. Die Mädchen sollten zu reizenden Geschöpfen erzogen werden, die über alles reden konnten, aber nichts richtig verstanden“, stellt Dr. Unkelhäußer fest und zitiert aus einer Denkschrift, die 1872 von der Organisation der Lehrer an Mädchenschulen verfasst wurde: „Es gilt, dem Weibe eine der Geistesbildung des Mannes in der Allgemeinheit der Art und Interessen ebenbürtige Bildung zu ermöglichen, damit der deutsche Mann nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau an dem häuslichen Herd gelangweilt und in seiner Hingabe an höhere Interessen gelähmt werde”.

Private Mädchenschule

Das Freudenberg-Anwesen an der mittleren Hauptstraße
Das Freudenberg-Anwesen an der mittleren Hauptstraße war über Jahrzehnte hinweg Dreh- und Angelpunkt der Weinheimer Mädchenbildung. Bild: Stadtarchiv

Den Bildungsnotstand ihrer Töchter wollten einige Weinheimer Familien nicht länger hinnehmen. 1834 war der Versuch der Brüder Bender, für Mädchen bis zu neun Jahren eine Elementarbildungseinrichtung zu schaffen, an der Nichtanerkennung durch die Schulaufsicht gescheitert. Nun setzte man auf eine junge Frau, die bereits seit Jahren Privatunterricht in Weinheim erteilte. Marie Kröber, 31-jährige Witwe eines Bender-Lehrers und Absolventin des renommierten Kaiserswerther Lehrerinnen-Seminars, ersuchte 1858 um die behördliche Genehmigung zur Eröffnung einer privaten Mädchenschule und berief sich dabei auf ein breites Elterninteresse. Mit nachhaltiger Unterstützung der Familie von Carl Johann Freudenberg gründete sie eine private Höhere Töchterschule, die starkes Interesse fand, aber auch Schulgeld kostete, weshalb die ersten Schülerinnen fast ausschließlich aus wohlhabenden Familien kamen. Unterrichtet wurde zunächst in den Räumen der ehemaligen pfalzgräflichen Kellerei beim Schloss, die sich unter der damaligen Wohnung der Familie Freudenberg befanden.
1863 kam die unverheiratete Schwester von Frau Kröber, Adolfine Rheinsdorff, als zweite Lehrerin dazu. Sie hatte zuletzt in Genf gearbeitet und brachte zahlreiche ausländische Schülerinnen mit nach Weinheim. Die neue Schülerinnenzahl machte einen Umzug notwendig. Das neue wissenschaftliche Institut Kröber-Rheinsdorff bezog ein von Freudenberg erbautes Gebäude an der mittleren Hauptstraße (heute Nr. 35).

Die neue Mädchenbürgerschule umfasste zehn Schuljahre mit fünf Klassen zu je zwei Abteilungen. In den ersten Schuljahren wurden für Rechnen und Schönschreiben Lehrer aus der Volksschule hinzugezogen, später übernahmen Lehrkräfte des Bender’schen Instituts den Unterricht in Deutsch, Französisch und de n naturwissenschaftlichen Fächern. 1874 trat die Nichte von Frau Kröber, Luise Rheinsdorff, als weitere Lehrkraft in die Schule ein. 18967 schieden Marie Kröber und Adolphine Rheinsdorff aus dem Schuldienst aus. Damit endete die private Höhere Töchterschule. Sie hatte – unter anderem mit dem Fach Anstandslehre – die Anforderungen einer Höheren Töchterschule erfüllt, ein staatlich anerkanntes Abschlusszeugnis aber gab es noch immer nicht.

1896 übernahm die Stadt Weinheim die Trägerschaft für die Mädchenbürgerschule. Sie wurde eine Abteilung der Volksschule mit eigener Leitung, die Luise Rheinsdorff übernahm. Unter ihrer Führung entwickelt sich die Schule weiter und rückt immer mehr in den Fokus der Gemeindepolitik. 1905 reichen die Unterrichtsräume an der Hauptstraße nicht mehr aus. Die Schule bezog provisorisch das Schulhaus I (Dürreschule), denn im Rathaus befasste man sich schon mit der Planung eines Neubaues an der Luisenstraße (heute Parkplatz Luisenhof). Das Projekt musste 1908 dem Neubau einer Gewerbeschule den Vortritt lassen, der in direkter Nachbarschaft an der Bahnhofstraße entstand (heute Uhlandschule). Die Töchterschule fand 1909 im Neubau des Schulhauses III (heutigen Pestalozzischule) eine neue Heimat.

Architektenzeichnung der neuen Töchterschule
So stellte man sich im Rathaus die Hauptansicht der neuen Töchterschule an der Luisenstraße vor. Bild: Stadtarchiv

Die Planung eines neuen Schulgebäudes für die Höhere Töchterschule erfolgte vor dem Hintergrund der intensiven Bemühungen um den Ausbau der Mädchenbürgerschule zu einer Höheren Mädchenschule. Nach einem positiven Signal aus Karlsruhe stimmte der Bürgerausschuss am 25. Mai 1914 mit 39 gegen 28 Stimmen der Errichtung einer Höheren Mädchenschule zu, die den Mädchen einen Abschluss ermöglichen sollte, der der Mittleren Reife entsprach. Das unerwartete Nein des Unterrichtsministeriums dazu wurde mit dem inzwischen ausgeschöpften Nachtragshaushalt, der ungeklärten Bedürfnisfrage und dem Zweifel an der Finanzkraft Weinheims begründet. Der Gemeinderat verschob das Thema auf die Zeit nach dem inzwischen ausgebrochenen Weltkrieg. Noch vor Kriegsende besichtigte Geheimrat Dr. Kunzer die Weinheimer Mädchenschule. Nach umfangreichen Prüfungen stellte er fest, „dass durch das pflichtfreudige, methodische und zielsichere Zusammenarbeiten der an der Anstalt tätigen Lehrkräfte die einzelnen Klassen trotz der mannigfachen , während der Kriegszeit bestehenden Hemmnisse in ihrem Wissen und Können so weit gefördert sind, dass die Gesamtleistungen als denen einer Höheren Mädchenschule gleichstehend zu bezeichnen sind“. Die Folge: Mädchen, die die 4. Klasse der Mädchenbürgerschule mit der Gesamtnote „ziemlich gut“ oder besser abgeschlossen hatten, konnten in die Untertertia des Realgymnasiums wechseln und das Abitur angehen, denn 1906 hatte der Gemeinderat das Realprogymnasium zum Realgymnasium mit neun Schuljahren ausgebaut.

Nach dem Übertritt von 124 der 161 Schülerinnen ins Realgymnasium blieb eine kleine Mädchenschule zurück, die nicht weiter bestehen konnte. Deshalb wurde sie zum 1. Mai 1924 aufgelöst. Sie musste aus der Weinheimer Schullandschaft verschwinden, aus den Köpfen ihrer einstigen Schülerinnen ist sie nicht verschwunden: noch viele Jahre nach ihrer Schließung trafen sich auf Einladung von Liesel Köchlin-Fuchs über viele Jahre hinweg ehemalige Schülerinnen der Höheren Töchterschule zur Erinnerung an ihre hoch verehrten Lehrerinnen Marie Kröberm Adolfine und Luise Rheinsdorff – und zur Erinnerung an die jährlichen Schulausflüge in die Fuchs’sche Mühle, bei denen es stets Himbeersaft und Butterbrot gab – für alle.

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