In der Mult: als Weinheim seinen Obstbaumgürtel verlor

Eine OEG kurz vor der Haltestelle Stahlbad. Historisches Bild.
Die OEG kurz vor der Haltestelle Stahlbad im Einmündungsbereich von Blumenstraße und Ahornstraße in die Stahlbadstraße. Seit der Gaswerkskurve ist der Zug nur durch Gartenland mit vielen Obstbäumen gefahren. Bild: Stadtarchiv

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Vor 50 Jahren noch schmückte sich Weinheim alljährlich im Frühling mit Tausenden blühender Obstbäume. Von den Hängen kündigten sich Kirschen, Pfirsiche, Aprikosen, Birnen, Zwetschgen und Äpfel in weißen und rosa Blüten an und bestätigten die Tourismus-Werbung für die „Blühende Bergstraße“, denn auch in der Ebene vor der Stadt, zwischen Fichtestraße und Siedlung, breitete sich ein Obstbaumgürtel aus, der heute kaum mehr vorstellbar ist. Eine historische Aufnahme erinnert daran, dass die 1956 konsekrierte Marienkirche damals nur Gärten und Felder mit Obstbäumen zu Nachbarn hatte und die OEG-Züge zwischen de n Haltestellen Gaswerk und Stahlbad eine unbebaute Landschaft durchfuhren.
Trennung überwinden

Schon Ende der 1950er Jahre war jedoch klar, dass sich an der Frühlings-Idylle in absehbarer Zeit etwas ändern würde. 1958 wurde mit den Vorarbeiten für einen Flächennutzungsplan festgelegt, dass die Gewanne Vordere und Hintere Mult, Kurbrunnen, Spitzäcker, Unteres Gänsbrünnlein, Viernheimer Pfad und St. Barbara mit Wohnungen und Gewerbebetrieben bebaut werden sollten. „In der Mult wird Weinheim endlich zusammenwachsen“ titelten die „Weinheimer Nachrichten“, als das Stadtplanungsamt im Oktober 1972 seinen Entwurf zu einem Bebauungsplan für das 72 Hektar große Gartenland zwischen OEG-Linie, Güterbahnhof/Zeppelinbrücke, Multschule/Stadion und Stahlbad vorlegte. Mit den Neubauten für 7.000 Menschen sollten die auseinanderklaffenden Stadtteile der westlichen Innenstadt und der rasant wachsenden Weststadt miteinander verbunden und ein geschlossenes Stadtbild hergestellt werden. „Das Plangebiet liegt im neuralgischen Trennpunkt der Gesamtstadt Weinheim. Es sollte die Funktion des Zusammenschlusses der sich anzeigenden Trennung von zwei Stadtteilen bewirken. Zugleich liegt es an einem Verkehrsschwerpunkt“, begründete das Stadtplanungsamt den Bebauungsplan Mult.

Neue Zäsur?

Doch es drohte neben der 1846 mit dem Bau der Main-Neckar-Bahn entstandenen Trennlinie Bundesbahn eine neue Zäsur: von Norden näherte sich die neue Bundesstraße 3, die heutige Westtangente, die nach der ursprünglichen Planung beim Händelknoten auf einem Damm die alte B 38 (heute Mannheimer Straße) , die OEG-Gleise und die geplante West-Ost-Spange, den heutigen Multring, überqueren und in die Cavaillonstraße münden sollte, um in Höhe der Breslauer Straße zur Zeppelinbrücke und zum Rosenbrunnen zu schwenken und in die B 3 zurückzukehren.

Lösung: Tieflage

Doch die Ingenieure im Weinheimer Rathaus hatten eine bessere Idee für die Lösung der Kreuzungsprobleme am Händelknoten: die Untertunnelung der drei Verkehrsadern, die nicht nur die künftigen Multbewohner besser vor Lärm und Abgasen schützen konnte, sondern auch die Möglichkeit eröffnete, das künftige Versorgungs- und Einkaufszentrum über dem Straßentunnel zu errichten. „Eine beispielhafte technische Lösung“ lobte das Regierungspräsidium die Tieflage, die mit dem zweiten Bauabschnitt der neuen B 3 entstand und die Cavaillonstraße zur Wohnstraße machte.

Luftaufnahme der im Bau befindlichen Pult.
Die Mult: zwischen den OEG-Gleisen und der Westtangente hat sich viel getan, aber südlich der Breslauer Straße steht die Bebauung der Kleingärten noch bevor und im Stahlbad haben einige Altbauten nur noch eine kurze Lebenszeit. Luftbild: WN-Archiv/Pfrang

Sorgfältige Planung

Die Bedeutung des Planungsobjektes Mult wurde an der Sorgfalt deutlich, mit der Technischer Ausschuss und Gemeinderat den Plan behandelten. Zwölf Ausschuss- und zwei Gemeinderats-sitzungen beschäftigten sich mit den Vorschlägen des Stadt-planungsamtes, nach denen auf dem 72 Hektar großen Plangebiet einmal 7.600 Einwohner in rund 2.200 Wohnungen eine neue Heimat finden sollten. Den ersten Schritt zur Realisierung der Planung machte der Gemeinderat am 18. Oktober 1972 mit dem einstimmigen Beschluss zur Aufstellung und Offenlage des Bebauungsplans Mult. Unüberhörbar waren in den Stellungnahmen der Fraktionssprecher allerdings die Warnungen vor zu starker Baudichte in den dominierenden Gebäuden am Händelknoten und am Multring und die Vorbehalte gegen den vierspurigen Ausbau der geplanten West-Ost-Spange und ihre ungeklärte Weiterführung über Bahngleise, B 3 und OEG-Gleise in den Fabrikweg und in die Innenstadt. Viel Unbehagen befeuerte in den folgenden Monaten heftige Diskussionen, Einsprüche und Leserbriefe.

Umstrittenes Zentrum

Die Interessengemeinschaft Zedernweg und die Bürgerinitiative Mult wandten sich vor allem gegen den Vorschlag des Essener Architekturbüros Cooperata zur Bebauung des „Kristallisationspunktes” Händelknoten. In Zusammenarbeit mit dem Lörracher Großversandhaus Schöpflin-Haagen wurden hier ein Selbstbedienungs-Warenhaus mit 10.000 qm Verkaufsfläche, außerdem 12.000 qm Gewerbeflächen für Einzelhandel, Freizeit und Dienstleistung und 21.000 qm Wohnflächen in elf bis siebzehn Geschossen einer terassenhausähnlichen Bebauung entstehen.

Das geplante Multcenter erwies sich fortan als Superprojekt zwischen Ja und Nein, das nach Ansicht des innerstädtischen Einzelhandels im traditionellen Einkaufszentrum Maßnahmen der Chancengleichheit erforderlich mache.

Kampfabstimmung entscheidet

Am 28. Februar 1973 gab der Gemeinderat dem Bebauungsplan Mult einstimmig grünes Licht, am 6. Februar 1974 wiederholte das Stadtparlament den Beschluss in einer Kampfabstimmung, weil das Regierungspräsidium Karlsruhe die Entscheidung von 1973 wegen der Nichtbeachtung von (erst später bekannt gewordenen) Schnellbahnplänen nicht anerkannt hatte. Das „Magenkrümmen“, das die CDU-Fraktion nach eigenem Aussagen ein Jahr zuvor bei der Zustimmung empfunden hatte, verstärkte sich bei der Neuauflage zu einem klaren Nein und wurde mit dem vergeblichen Bemühen um geringere Wohndichte und damit für mehr Wohn-qualität begründet. SPD und FWV blieben bei ihrem Ja zur städtebaulichen Gestaltung der Mult mit vier bis neun Geschossen auf der Nordseite und einer Höhenstaffelung zu ein- und zweigeschossigen Häusern in der Nachbarschaft der Multschule. Das Neubaugebiet sollte von der West-Ost-Spange umschlossen und erschlossen werden und im Innenbereich ruhige Wohnstraßen haben.

Widerstandskämpfer geehrt

Historische Luftaufnahme aus der Bauzeit der Multi.
Weinheims letztes großes Bauerwartungsgebiet: die Mult zwischen Güterbahnhof (oben/heute Fachmarkt-Zentrum) und Multschule (unten). Luftbild: WN-Archiv/Pfrang

Die Straßen im Plangebiet Mult erhielten die Namen von Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus: Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Ludwig Beck, Erwin von Witzleben, Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, Carl Friedrich Goerdeler, Julius Leber, Wilhelm Leuschner, Carl Mierendorff, Bernhard Lichtenberg, Karl-Friedrich Stellbrink, Hans und Sophie Scholl, Elisabeth von Thadden, Anne Frank.

Eine Bilanz

Heute leben im Bereich des Bebauungsplans Mult etwa 4.000 Menschen. Von den ersten Planzielen wurden das neue Polizeirevier und ein neuer Feuerwehr-Stützpunkt nicht verwirklicht. Die 1969 gegründete evangelische Lukas-Gemeinde erhielt dagegen an der Schollstraße ein Gemeindezentrum. 2013 fusionierten Lukas und Markus, die beiden evangelischen Gemeinden der Weststadt, das kleine Gotteshaus wurde überflüssig und verschwand.

Im August 1974 startete die Mult-Bebauung mit dem Abräumen von 140.000 cbm Mutterboden, dem Bau von 5,7 Kilometer Kanälen und dem Fällen von 4.000 Obstbäumen.
Das Multzentrum blieb weiter ein Streitthema. Am 2. Dezember 1982 wurde es als Famila-Warenhaus mit 33 Fachgeschäften eröffnet. 1985 wurde der zweite Bauabschnitt fertiggestellt. Danach verfügte das Multzentrum über eine Betriebsfläche von 12.200 Quadratmetern.

Die Westtangente wurde im März 1980 für den Verkehr zwischen der Nordabzweigung beim Friedhof bis zur Einmündung in die alte B 3 beim Rosenbrunnen für den Verkehr freigegeben. Länge 4,4 Kilometer, 14 Brückenbauwerke, Gesamtkosten 57 Millionen DM. Bund und Land übernahmen davon 43 Millionen DM.

© www.wnoz.de, 2024

 

Sign up