Sozialdemokrat der besonderen Art: Ludwig Seyler

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Regierungsrat Ludwig Seyler (1878-1958) war der „öffentliche Kläger“ vor der Weinheimer Spruchkammer während der Entnazifizierungsverfahren 1946/47, er prüfte die Fragebogen, die Anträge, Anzeigen und andere Hinweise auf die vom Befreiungsgesetz Betroffenen und er leitete von Amts wegen die Ermittlungen ein. Der öffentliche Kläger führte Untersuchungen durch, erhob Klage und vertrat sie vor der Spruchkammer. Er forderte Rechenschaft für Geschehnisse, unter denen andere leiden mussten. Seine Arbeit war naturgemäß umstritten, aber notwendig nach zwölf Jahren Gewaltherrschaft, die ein ganzes Volk ins Chaos geführt hatte.

Ludwig Seyler stellte sich dem Neuaufbau einer demokratischen Verwaltung und Gesellschaft in seiner Wahlheimat Weinheim schon kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner zur Verfügung. Unter Bürgermeister Richard Freudenberg übernahm er die Leitung des Wohlfahrts- und Jugendamtes der Stadtverwaltung und kehrte auf den Chefsessel im Arbeitsamt Weinheim zurück, von dem er 1933 von den Nationalsozialisten verjagt worden war. Nach der ebenso sensiblen wie undankbaren Aufgabe des öffentlichen Klägers in den Mitte 1946 beginnenden Entnazifiziertungsverfahren hat er sich nicht gedrängt, aber er stellte sich auch ihr. „Dieser Kläger wusste um die Problematik, die in seinem schwierigen Amt lag. Die eigentlich Schuldigen konnte er oft nicht fassen, in anderen Fällen waren ihm durch höhere Rechtsnormen die Hände gebunden“, schrieb der damalige städtische Beamte und spätere Ladenburger Bürgermeister Reinhold Schulz 1958 in einem Nachruf in den WN.

Ludwig Seyler wurde 1878 in Heidesheim (Kreis Bingen) geboren. Nach der Lehre als Maschinen- und Werkzeugschlosser arbeitete er in verschiedenen Werken und Städten. Er wurde früh Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), Vorgänger der heutigen IG Metall, und nahm schon 1903 an einem Streik gegen die Einführung von Stoppuhren teil. 1904 wurde Seyler Vorsitzender des Arbeiterausschusses, eines Vorläufers der heutigen Betriebsräte. Die Metallarbeiter Schwenningens wählten ihn 1913 zu ihrem Geschäftsführer. Seyler schloss die ersten Tarifverträge für die Uhren- und Harmonikaindustrie im Schwarzwald.

Den Ersten Weltkrieg erlebte Ludwig Seyler in voller Härte vor Verdun und in Flandern. 1921 berief ihn der Metallarbeiterverband nach Nieder-Lahnstein und dort beteiligte er sich am Kampf gegen die Separatisten. Die Franzosen, die die Rheingebiete besetzt hielten, verurteilten ihn wegen Gefährdung der Rheinarmee und wiesen ihn aus ihrem Einflussgebiet. Ludwig Seyler kehrte in den Schwarzwald zurück, denn der Schwenninger Stadtrat hatte ihm den Aufbau der Arbeitsverwaltung übertragen. Seyler muss gute Arbeit geleistet haben, denn wenig später wurde ihm die Leitung des Arbeitsamtes Weinheim übertragen, das damals grenzüberschreitend 76 Gemeinden in den Amtsbezirken Weinheim und Heppenheim betreute.

Die Nationalsozialisten entfernten Regierungsrat Seyler sofort aus seinem Amt. Es folgten Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Seyler, der ehemalige Schlosslehrling, kehrte in seinen Beruf zurück. Im Mai 1945 übernahm er wieder die Leitung des Arbeitsamtes.

Schon früh beschäftigte sich der Gewerkschaftssekretär Ludwig Seyler, der sich selbst als Autodidakt ein vielfältiges Wissen erarbeitet hatte, mit dem Thema Arbeiterbildung, wurde Mitbegründer der Schwenninger Volkshochschule und fügte die Themen seiner zahlreichen Vorträge in seinen Büchern „Leitfaden zum Studium der Wirtschaftsgeschichte“ und „Betrachtungen zur Geschichte der Revolutionen“ zusammen. Im Nachkriegs-Weinheim war Seyler an der Gründung der Volkshochschule und der Kulturgemeinde beteiligt und widmete dem Neuaufbau der Stadtbücherei, der heutigen Stadtbibliothek, ebenso viel Zeit wie dem Heimatmuseum.

Ludwig Seyler war überzeugter Sozialdemokrat, aber auch kritisch gegenüber seiner Partei. In Weinheim wurde er zum Ziehvater der jungen Sozialdemokraten Martin Heckmann, Reinhold Schulz und Adolf Nickerl, die nach seinem Vorbild auf dem Weg vom Lehrling zum Sparkassendirektor, zum Bürgermeister oder zum Bauunternehmer waren.

Regierungsrat Ludwig Seyler starb am 12. Dezember 1958, acht Tage vor seinem 80. Geburtstag.   (2021)

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