Waidsee: Erholungsgebiet für die ganze Region

Schwimmbagger am künftigen Waidsee
Schwimmbagger holten zwei Millionen Kubikmeter Sand zur Aufschüttung des Autobahndammes aus dem alten Neckarbett: der Waidsee entsteht.

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Er ist das Symbol der regionalen Veränderungen zu Beginn der 1970-er Jahre: der Waidsee. Die 24 Hektar große Wasserfläche ist auf den Gemarkungen von Lützelsachsen, Großsachsen, Leutershausen und Heddesheim in den Jahren 1966 bis 1970 mit dem Bau des Main-Neckar-Schnellwegs, der Bergstraßen-Autobahn zwischen Darmstadt und Heidelberg, entstanden. Damals wurden zwei Millionen Kubikmeter Schüttmaterial für Trassen und Dämme im Bereich des heutigen Autobahnkreuzes Weinheim aus dem alten Neckarbett entnommen. Der dabei entstandene Grundwassersee mit einer mittleren Seetiefe von 15 Metern und einer maximalen Tiefe von 30 Metern wurde zum Mittelpunkt eines Naherholungsgebiets, das für die Weststadt, Weinheims weitaus größten Stadtteil, inzwischen unverzichtbar geworden ist. Spaziergänger, Jogger und Radfahrer, Segler und Surfer, Angler, Taucher und natürlich Schwimmer nutzen „den Waidsee”, wie das „Naherholungsgebiet Südliche Bergstraße” vereinfachend genannt wird. Sie begegnen dabei Fischen, Sing- und Wasservögeln, dazu Wildvögeln auf dem Durchzug oder im Winterquartier.

Die Idee, den See und sein tief aufgewühltes Umfeld als Naherholungsgebiet zu gestalten, wurde im Tiefbauamt der Stadt Weinheim geboren, wo man sich damals mit dem drängenden Weststadt-Wunsch nach einem Freibad beschäftigte, das den weiten Weg ins Gorxheimer Tal ersparen würde. Favorisiert wurden als Standorte die Kuhweide und der heutige Stadionbereich, doch Planern und Befürwortern „zog es” dort zu sehr im Vergleich zur windgeschützteren Lage des Turnerbads.

Badesee statt Becken

Waidsee im Bau.
Eine reizvolle Aufgabe, aus dieser Landschaft ein Erholungsgebiet zu machen.

Da kam den Technikern um Tiefbauamtsleiter Heinrich Brokhausen, dem „Vater” des Erholungsgebiets, der alternative Gedanke, die gerade entstehende und täglich wachsende Wasserfläche des Baggersees als Strandbad in einem Naherholungsgebiet zu gestalten, das in der rasant wachsenden Weststadt einen Gegen-pol zum innerstädtischen Erholungsgebiet Schlosspark/Exotenwald darstellen könnte. In den Tagen, da große infrastrukturelle Projekte wie die Trinkwassergewinnung, die Abwasser- und die Abfallbeseitigung in interkommunaler Zusammenarbeit über Zweckverbände angegangen wurden, schlug Weinheim bereits 1969 vor, ein „Naherholungsgebiet Südliche Bergstraße” im Verbund mit den grundbesitzenden Nachbargemeinden Großsachsen und Leutershausen und den Baggersee-Anliegern Lützelsachsen, Hohensachsen und Heddesheim zu schaffen und zu erhalten.

Doch die (damals allesamt noch selbständigen) Gemeinden hatten kein Interesse an einer Zweckverbandslösung. Sie favorisierten den Verkauf ihres Geländes an Weinheim, das damit auch einverstanden war. Denn damit einher ging eine Grenzänderung, die die Weinheimer Gemarkung wachsen ließ und den Planern im Tiefbauamt die Möglichkeit gab, das regionale Projekt auf eigenem Territorium fortzuführen, nachdem sich auch die Bewohner der Ofling für einen Partnertausch von Heddesheim nach Weinheim entschieden hatten.

Tiefer Griff in den Stadtsäckel

Am 17. Juni 1972 wurde das neue Strandbad am Baggersee seiner Bestimmung übergeben. Die Stadt Weinheim, die an der Entstehung eines Erholungsgebiets nahe der Weststadt ein besonderes Interesse hatte, griff für das regionale Projekt tief in die Kasse: 4,6 Millionen DM für Grunderwerb, Straßen und Parkplätze, den Ausbau des Strandbereichs und der Uferanlagen, die bauliche und technische Ausstattung des Strandbads.

Von 41 Hektar Gesamtfläche waren 24 Hektar Wasserfläche, sechs Hektar Liegewiese beim Strandbad, ein Hektar Parkraum und drei Hektar Gelände wurden freigehalten für ein Allwetter-Freizeitzentrum im südlichen Anschluss an die Liegewiese des Strandbads. Rund um den See wurde ein vier Hektar großer Grüngürtel angelegt mit 17.000 Gehölzen und 255 Bäumen, 42 Bänke wurden aufgestellt und zum Hammerweg hin Hunderte von Wildrosen gepflanzt.

Wie soll der See heißen?

Auch als der Badisch-Unterländer Angelsportverein 1892, der junge Weinheimer Wassersport-Club WWSC 70 und der Tauchclub Hohensachsen schon Anlieger am See waren, hatte das Gewässer noch keinen Namen. Deshalb baten die „Weinheimer Nachrichten” 1973 ihre Leser um Namensvorschläge. Die große Mehrzahl der Einsendungen regte „Blütensee“ an, doch die Kritiker dieser Mehrheitsmeinung meinten, dann müsse es am See rund ums Jahr blühen. Es gab auch andere Namensvorschläge: „Waidsee““ nach dem Gewann, auf dem er liegt, „See Miramar“ nach dem geplanten Freizeitbad, „Blaues Auge von Weinheim“, „Zweiburgensee“, „Paradiessee“, „Promenadensee“, „Kieselsee“, „Odenwaldstrand“, „Badener-See“ oder auch „Winen-See“, auf Weinheims ursprünglichen Namen Winenheim bezogen. Der Ausgang des Namensfindungsprozesses ist bekannt: Der See erhielt den Namen des Gewanns Waid, auf dem er entstanden ist.

Negative Schlagzeilen

Das neue Erholungsgebiet lieferte allerdings nicht nur positive Schlagzeilen. Es gab bald Klagen über Randalierer und Wildbader am See und Verkehrsbelästigungen auf den Zufahrtswegen, über Müll, der nach dem Feiern am See einfach liegen gelassen wurde, über Nacktbaden, das sogar den Gemeinderat beschäftigte, und vor allem über den Verkehrslärm, der zwar nicht mehr von den drei mächtigen Schwimmbaggern und den Zwölf-Zylinder-Motoren der Schwerlaster ausging, sondern nun von Zehntausenden Fahrzeugen auf der neuen Autobahn erzeugt wurde. Und es gab tödliche Badeunfälle außerhalb der Schwimmerzone.

© www.wnoz.de, 2024

 

Sign up